"In Seattle spürte ich Offenheit und Zusammenhalt" - Interview mit Andreas Ivanschitz

Der ehemalige ÖFB-Teamkapitän Andreas Ivanschitz (42) kam in seiner Karriere weit herum, nach Stationen in Griechenland, der deutschen Bundesliga und in der spanischen La Liga spielte der Ex-Rapidler sehr erfolgreich für Seattle Sounders FC in der MLS.

Kurt Wachter (fairplay) sprach mit ihm über seine Zeit in den USA, die Begeisterung der Fans und die veränderte Rolle von Spieler*innen.

Vom Sommer 2015 bis zum Winter 2016 waren Sie bei Seattle unter Vertrag. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Es war schon etwas ganz Spezielles, zum einen in Amerika zu leben und zum anderen dort Fußball zu spielen. Sowohl geographisch als auch klimatisch sehr oft eine Herausforderung. Wir haben es aber als Familie genossen und die Zeit in Seattle war sehr aufregend. Die Natur praktisch vor der Haustür. Sportlich gesehen ist die Liga sehr spannend. Das Format ein komplett anderes und die spielerische
Qualität war auch richtig gut. Die Krönung sportlich war dann natürlich der Meistertitel mit den Seattle Sounders im Dezember 2016, der erste überhaupt für diesen Klub.

Wie würden Sie die Fankultur in Seattle beschreiben?
Ich habe Seattle als extreme Sportstadt kennengelernt. Die Begeisterung für die verschiedenen Sportteams war gewaltig. Egal ob American Football, Baseball oder Fußball. Auf den Straßen sah man die Menschen mit den Trikots herumlaufen und die Stadien waren stets voll. Wir hatten bei unseren Heimspielen einen Zuschauerschnitt von 40.000. Das ist schon sehr besonders. Das Lumen Field Stadion ist nun eines der elf WM-Stadien in den USA. In Seattle werden sechs WM-Spiele ausgetragen. Die Stadt hat angekündigt, dass sie das Spiel Iran – Ägypten als „Pride“ Match begehen wollen um damit ein Zeichen für LGBT-Rechte und Inklusion zu setzen.

Nimmt da Seattle eine Sonderstellung ein?
Seattle gilt als internationale Stadt. Offenheit und Zusammenhalt durften wir selbst als Familie spüren. Dass Seattle bei der WM auch als Austragungsort von insgesamt sechs Spielen zur Verfügung steht freut mich sehr. Alle Fans, ob Zuschauerin oder Zuschauer im Stadion oder Besucher oder Besucherin der Stadt, werden die Zeit genießen. 

In den USA ist der Anteil von Frauen die Fußball spielen sehr hoch, ist „Soccer“ da progressiver als Europa?
Die USA war immer schon Vorreiter bei der Förderung und Entwicklung des Frauenfußballs und ein internationales Vorbild. Nun merkt man seit den letzten Jahren auch in Europa die Unterstützung und Förderung von Frauenfußball immer mehr, was mich persönlich als Papa einer fußballbegeisterten Tochter natürlich sehr freut. 

Viele Fans empfanden die Verleihung eines eigens geschaffenen FIFA-Friedenspreis an Präsident Trump als peinliche Anbiederung. Sie waren bei der Auslosung in Washington DC live dabei, wie ist es Ihnen dabei ergangen?
Ich habe die Zeit rund um die Zeremonie der Auslosung und auch die Auslosung selbst sehr genossen. War von der Organisation der FIFA begeistert. Es war eine gewaltige Netzwerkveranstaltung, ich konnte viele Kontakte knüpfen und es waren zwei unvergessliche Tage in Washington. Dennoch muss auch ich gestehen, dass ich mich bei der einen oder anderen Situation wundern musste.Die Rolle von Spieler*innen hat sich in letzter Zeit gewandelt, viel äußern sich zu unterschiedlichen Themen über Social Media.

Wie kritisch darf /soll sich ein Spieler oder Spielerin über gesellschaftlichen Themen, wie Menschenrechtsverletzungen, äußern?
Es hat sich seit damals wirklich sehr viel geändert. Durch das Internet, Social Media, etc. ist alles viel schnelllebiger geworden, was nicht  immer positiv ist. Es hat sich die öffentliche Wahrnehmung und der Umgang miteinander geändert. Ich sage oft, früher war es schlichtweg einfacher Profi zu sein. Wir haben Matchberichte erst am nächsten Tag in der Zeitung gelesen, konnten uns freier bewegen und hatten mehr Ruhe. Heutzutage mit den Online-Medien und Berichterstattungen wird über das Geschehene bereits fünf Minuten nach dem Spiel in den Foren heiß diskutiert. Das ist schwer zu überlesen oder zu ignorieren. 

Es ist und bleibt ein schmaler Grat, denn klar man hat eine eigene Meinung, aber ist es sinnvoll diese immer öffentlich kundzutun? 
Am Ende willst du als Leistungssportler einfach nur Leistung bringen, mit dem größtmöglichen Output und jede Ablenkung ist da nicht förderlich. 

Was würden Sie einem jungen Spieler raten, der sich öffentlich äußern will?
Ganz genau überlegen was und wann man etwas sagt. Persönlichkeit zu zeigen und auch eine eigene Meinung zu haben ist wichtig, aber man muss sich bewusst sein, dass man in der Öffentlichkeit steht. Wie wir wissen, ist die Öffentlichkeit teils gnadenlos. Deshalb sollte man seine Worte auch genau wählen.

Welche Bedeutung hat die WM-Qualifikation des ÖFB-Teams für den heimischen Fußball, welche positiven Effekte sind zu erwarten?
Jede Turnierteilnahme ist für den ÖFB ein Riesenerfolg. Dieser Erfolg hilft auf allen Ebenen enorm. Mehr Zuschauer*innen kommen in die Stadien. Projekte können leichter umgesetzt werden und die Arbeit macht mehr Spaß. Ich glaube was oft vergessen wird sind die Leute, die im Hintergrund arbeiten und sich diesen Erfolg genauso verdient haben. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass einfach vieles leichter geht, wenn der Erfolg da ist. Dem ÖFB wünsche ich neben der bereits erfolgreichen Umsetzung des ÖFB Campus, über den wir sogar zu meiner Zeit rund um die EM 2008 diskutiert haben, auch, dass das Projekt Stadion Neu voranschreiten wird. Wien braucht eine moderne Infrastruktur und eine neue Multifunktionsarena, nicht nur für den Fußball.

Dieses Interview führte Kurt Wachter mit Andreas Ivanschitz im Rahmen des Projekts “GameON! Sport für Menschenrechte” für das fairplay Infosheet zur FIFA WM 2026. 

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