Sie leitet Dignity 2026, einen Zusammenschluss zivilgesellschaftlicher Organisationen, der sich für die Förderung der Menschenrechte bei der Fußball WM 2026 einsetzt. Hanna Stepanik sprach mit ihr über die aktuelle Situation in den USA.
Wie kam es zu der Idee für Dignity 2026?
Unsere Koalition entstand 2017. Damals handelte es sich um einen losen Zusammenschluss von Gewerkschaftsverbänden und diversen Organisationen, um darüber zu beraten, wie Menschenrechts- und Arbeitsrechtsstandards im Hinblick auf die Fußball-WM 2026 gefördert werden können. Wir wollten das Narrativ umkehren, damit die WM ein positives Vermächtnis in den Städten hinterlassen könnte, anstatt zum Synonym für Menschenrechtsverletzungen zu werden. Die Städte sollten in einem besseren Zustand hinterlassen werden – sei es wirtschaftlich oder kulturell. Damals waren wir noch optimistisch, dass die USA auf der Weltbühne eine Führungsrolle im Bereich der Menschenrechte übernehmen könnten. Das hat sich im Laufe der letzten Jahre und insbesondere in den letzten Monaten natürlich sehr schnell geändert.
Wie sieht die Zusammenarbeit in den USA konkret aus?
Es geht um den Aufbau eines positiven Vermächtnisses in den Austragungsstädten, in dem wir Bewegungen und Interessengruppen mobilisieren, die bisher noch nicht zusammen gearbeitet haben, zum Beispiel Einwanderungs- oder Arbeitnehmer*innenverbände. Ein positives Vermächtnisbedeutet auch, lokale Gesetze oder Richtlinien zu reformieren, eine angemessene Budgetvergabe zur Umsetzung von Initiativen sicherzustellen und vieles mehr. Wir orientieren uns an den lokalen Akteur*innen in den Host Cities, die am nächsten an den betroffenen Gemeinden arbeiten und leben. Wir stehen als Ansprechpartner zur Verfügung, sorgen für eine Feedbackschleife zwischen ihnen und der FIFA und fördern den Austausch mit Akteur*innen in anderen Städten. Wenn solche Großveranstaltungen in die Stadt kommen, geht es nicht nur um Sport, sondern auch darum, wie man die enormen Investitionen nutzt, um die öffentliche Infrastruktur tatsächlich zu verbessern und sicherzustellen, dass der wirtschaftliche Nutzen in der ganzen Stadt spürbar ist und sich nicht nur in den Händen einiger weniger konzentriert.
Welche Bedenken äußern Organisationen aus heutiger Sicht?
Das offensichtlichste Thema für die zivilgesellschaftlichen Organisationen ist die Einwanderung. Wir hatten nicht damit gerechnet, in welchem Maße die WM durch die enge Beziehung der FIFA zur aktuellen Regierung politisiert werden würde. Es ist unklar, wo die FIFA aufhört und die aktuelle US-Präsidentschaft anfängt. Viele Menschen sind äußerst besorgt über den Einfluss, den das Heimatschutzministe- rium während des Turniers haben wird. Das Risiko besteht nicht nur für Reisende, sondern auch für die Menschen vor Ort und Arbeitnehmer*innen. Die meisten ICE-Aktionen finden an Arbeitsplätzen statt oder betreffen Menschen die auf dem Weg zur oder von der Arbeit sind. Und die Bewohner*innen haben sich nicht dafür entschieden, dass die WM in ihre Städte kommt, und zahlen auch keine Tausende von Dollar, um die Spiele zu besuchen, doch trotzdem “passiert” ihnen die WM. Zudem scheint ein Trend bei Sportgroßevents zu sein, dass wir Menschen, die obdachlos sind so behandeln, als könne man sie einfach von der Straße wegfegen, und sie an manchen Orten sogar festnehmen.
Ein Urteil des Obersten Gerichtshofs von 2024 erlaubt es lokalen Behörden, Obdachlosigkeit faktisch unter Strafe zu stellen, indem sie das Schlafen im Freien oder das Campen verbieten. Wir wollen auch sicherstellen, dass es gute und menschenwürdige Arbeitsplätze gibt. Wir werden eine beträchtliche Anzahl von Kurzzeit- und Leiharbeiter*innen benötigen, bei denen es sich hauptsächlich um migrantische und Niedriglohnarbeiter*innen handelt. Außerdem sind wir besorgt über die Meinungs- und Demonstrationsfreiheit, die in den USA massiv eingeschränkt wurde.
Was macht das Turnier 2026 und das Engagement der Austragungsstädte so besonders?
Wir warten noch darauf, dass die meisten Organisationskomitees ihren Aktionsplan für Menschenrechte vorlegen. Ende April haben nur 4 der 16 Host Cities einen Plan eingereicht, den die Interessengruppen prüfen können, bevor die Pläne dann am 11. Mai – nur einen Monat vor dem ersten Spiel veröffentlicht werden. Die Herausforderung bei der WM 2026 besteht darin, dass die FIFA die Organisation des größten WM-Turniers aller Zeiten erstmals auf 16 verschiedene Austragungsorte verteilt hat. Daher gibt es in diesem Bereich viele Entscheidungsträger*innen: das FIFA-Team 2026, die FIFA in Zürich, 16 verschiedene Organisationskomitees und Stadtverwaltungen. Hinzu kommt das Weiße Haus, das eine sehr prominente Rolle spielt, insbesondere beim Sicherheitsthema. Ein Pluspunkt für die USA ist, dass wir nach wie vor über eine sehr engagierte Zivilgesellschaft verfügen. Wir haben vor Ort erfahrene Menschen, die wissen, was ein Großereignis bedeutet. Sie verfügen über die nötigen Ressourcen und Kontakte, um die Umsetzung zu unterstützen.
Was erwarten Sie von der FIFA bei diesem Turnier?
Die FIFA wird weiterhin das tun, was sie schon immer angekündigt hat: sich auf den Betrieb und die Aktivitäten innerhalb der Stadien konzentrieren. Alles andere liegt in der Verantwortung der Städte, des Organisationskomitees und der lokalen Akteur*innen. Dennoch ist zu hoffen, dass die FIFA ihre Ressourcen nutzt, um sich für die Interessen der Einwohner*innen und der Austragungsstädte einzusetzen. Die FIFA kann nicht weiterhin den Kopf in den Sand stecken und so tun, als spiele sie keine direkte Rolle bei dem Vermächtnis des Turniers in den Städten. Die FIFA wird nach sechs Wochen ihre Zelte abbrechen und abreisen; die Städte werden die Auswirkungen des Turniers noch jahrzehntelang spüren. Die österreichische Nationalmannschaft hat sich qualifiziert, viele Fans machen sich Gedanken über die eigene Sicherheit.
Haben Sie Empfehlungen?
Ich möchte auf die zahlreichen Informationsquellen verweisen, die von der American Civil Liberties Union und anderen zivilgesellschaftlichen Partner*innen in den USA entwickelt wurden. Wir empfehlen zum Beispiel das Ausschalten des Handys bei der Einreise, das Löschen sensibler Informationen von den Handys, das Mitführen von Kopien des Reisepasses und anderer Dokumente. Fans sollten sich zudem mit ihrer Botschaft in Verbindung setzen und wissen, wen sie im Notfall anrufen können. Mitte Mai wird Dignity 2026 zudem eine Website mit praktischen Tipps und Hinweisen unter frontlinefc.org starten.
Dieses Interview wurde von Hanna Stepanik mit der Gründungsdirektorin des Center for Community Health Innovation an der Rechtsfakultät der Universität Georgetown (Washington DC) Jennifer Li im Rahmen des Projekts “GameON! Sport für Menschenrechte” geführt und findet sich im fairplay Infosheet zur FIFA WM 2026 wieder.
