Auch Schweigen sendet eine Botschaft

Gemäß der gemeinsamen Bewerbung für 2026 verpflichteten sich Kanada, Mexiko und die USA zu einer Menschenrechtsstrategie, die Nichtdiskriminierung und Inklusion sowie konkrete Zusagen hinsichtlich der Rechte von LGBTQI+Personen umfasst.

Bei der FIFA Klub Weltmeisterschaft 2025 in den USA hat die FIFA Botschaften gegen Diskriminierung und Rassismus, die bei ihren letzten Turnieren eine wichtige Rolle spielten, aus den Stadien entfernt. Hanna Stepanik sprach mit Sharon Mottley, Regional Program Manager für Nordamerika und die Karibik bei ILGA, dem weltweiten Dachverband von LGBTQIA1 Organisationen, über die bevorstehende Fußballweltmeisterschaft.

Wie sieht das Verhältnis von ILGA zu Großsportveranstaltungen aus?
Mit Blick auf die WM 2026 ist es wichtig anzuerkennen, dass Inklusion im Sport nicht isoliert betrachtet werden kann. Die Frage ist nicht nur, ob die WM inklusiv sein wird, sondern für wen und unter welchen Bedingungen. Wir von ILGA sehen Großsportveranstaltungen nicht nur als sportliche Ereignisse, sondern als Momente der Menschenrechte, die Sichtbarkeit, Sicherheit, Zugang und öffentliche Debatten mit sich bringen können. 2SLGBTQIA2-Personen sind Teil eines Gesamtökosystems. Wir sind nicht nur Zuschauer*innen, sondern auch Fans, Mitarbeiter*innen, Journalist*innen, Freiwillige und Sportler*innen.


Was sind die konkreten Bedenken hinsichtlich der WM 2026?
Eine meiner größten Sorgen ist, dass die Menschen die Austragungsorte der WM als eine einheitliche Landschaft wahrnehmen. In den USA und Kanada befinden wir uns derzeit nicht auf dem gleichen Stand, insbesondere was das allgemeine Umfeld für 2SLGBTQIA-Personen und vor allem für Trans-Gemeinschaften betrifft. In vielen Bundesstaaten der USA beobachten wir aktuell aktive Einschränkungen, die sich gegen Trans-Personen richten, insbesondere im Sport. In vielen Austragungsstädten gibt es zudem Bedenken hinsichtlich Einwanderungs-und Ausweisvorschriften, die sich darauf auswirken können, wie sich Menschen in diesem Raum bewegen, insbesondere jene aus dem Ausland. Denn bei der Sicherheit geht es nicht nur um den Schutz vor Gewalt. Es geht um Würde, Bewegungsfreiheit, wie Menschen an den Grenzen behandelt werden und ob sie sich im öffentlichen Raum ohne Angst aufhalten können. Was passiert zum Beispiel, wenn deine Identität nicht mit deinen Ausweispapieren übereinstimmt? Und obwohl Kanada im Allgemeinen stärkere Schutzmaßnahmen bietet, erleben wir auch dort Gegenbewegun-
gen. Wenn wir fragen, ob dies ein sicheres Turnier sein wird, gibt es keine einfache Antwort. Für manche mag es bewältigbar erscheinen. Für andere jedoch, insbesondere für trans- und nicht-binäre Menschen, für rassialisierte 2SLGBTQIA-Personen sowie für Migrant*innen,
wird das Risiko deutlich höher sein.

Was macht Ihrer Meinung nach das Turnier 2026 so besonders?

Was dieses Turnier von anderen Sportveranstaltungen unterscheidet, sind sein Umfang und seine Komplexität, da es in mehreren Ländern stattfindet, in denen ganz unterschiedliche Gegebenheiten herrschen. Das birgt Risiken. Es kann aber auch Chancen bieten, höhere Maßstäbe zu setzen. Ein Turnier dieser Größenordnung kann die Organisator*innen und Austragungsorte dazu anregen, sich ernsthafter mit Inklusion auseinanderzusetzen – und zwar nicht nur als Schlagwort, sondern als gelebte Praxis. Und die eine positive Veränderung, die wir uns wünschen, ist eine stärkere Einbindung der lokalen Zivilgesellschaft und von 2SLGBTQIA-Organisationen, denn echte Veränderungen sind praxisorientiert und beinhalten bessere Schulungen, bessere Schutzmaßnahmen, angemessene Meldesysteme und eine echte Verbindung zu den Gemeinschaften. Selbst wenn es nur kleine Schritte sind – für uns 2SLGBTQIA+ Menschen wäre das enorm.

Bisher hat sich die FIFA lautstark gegen Diskriminierung, einschließlich Homophobie und Transphobie, eingesetzt. Das hörte mit der FIFA Klub-WM in den USA im vergangenen Jahr vollständig auf. Wie sehen Sie die Rolle der FIFA vor dem Hintergrund der derzeitigen Einschränkung von LGBTIQ-Rechte?
Die FIFA hat die Verantwortung, in ihrer Kommunikation zum Thema Nichtdiskriminierung konsequent zu sein. Sie kann sich nicht nur dann nachdrücklich für Inklusion
aussprechen, wenn es einfach ist. Man kann nicht von außen über Inklusion sprechen und dann, sobald man den Brennpunkt der USA erreicht, einen Kurswechsel vollziehen. Denn im aktuellen globalen Kontext, in dem die Rechte von 2SLGBTQIA+, insbesondere die Rechte von Trans-Personen, unter Druck stehen, sendet auch Schweigen eine Botschaft. Schweigen kann lebensgefährdend sein. Gerade hier kommt es am meisten auf Führungsstärke an. Wenn die FIFA sagt, dass Fußball für alle da ist, dann muss sich dies in klaren Standards, sichtbarem Engagement und Rechenschaftspflicht widerspiegeln – und nicht nur in allgemeinen Erklärungen.
 

Möchten Sie aus Ihrer Sicht noch etwas hinzufügen?
Für uns ist die entscheidende Frage, ob diese WM ein bedeutendes Vermächtnis hinterlassen wird – nicht nur etwas, das für ein paar Wochen den Anschein von Inklusion erweckt, sondern etwas, das die Lebensrealität der Menschen tatsächlich verbessert. Denn letztendlich sollte Inklusion im Sport nicht nur vorübergehend sein. Sie sollte dauerhaft, gerecht und echt sein. Wenn die WM 2026 ein bedeutendes Vermächtnis hinterlassen soll, muss sie über bloße Sichtbarkeit hinausgehen und strukturelle Veränderungen bewirken. Das bedeutet, in lokale Gemeinschaften zu investieren, den Schutz von Arbeitnehmer*innen und Gemeinden zu gewährleisten und die Rechenschaftspflicht in die Umsetzung von Inklusion zu integrieren.

ANGRIFF AUF DIE RECHTE VON TRANS-PERSONEN

Angesichts der Angriffe der US-REGIERUNG auf die Rechte von LGBTQI+Personen, insbesondere von TransPersonen, haben diverse Fanclubs Bedenken geäußert. Seit November 2025 muss in allen neuen USPässen ausschließlich das bei der Geburt zugewiesene biologische Geschlecht angegeben sein. Eine Reihe von Ländern hat ihre Staatsangehörigen daher gewarnt, dass die Gefahr bestehe, die Einreise in die USA verweigert zu bekommen, wenn die Geschlechtsidentität im Reisepass von ihrem bei
der Geburt zugewiesenen Geschlecht abweicht.
Die größte englische LGBTQI+Fangruppe und ein Netzwerk europäischer LGBTQI+Fangruppen haben bereits erklärt, dass sie in den USA nicht sichtbar präsent sein werden. Trans und geschlechtsdiverse Fans könnten auch in MEXIKO besonderen Gefahren ausgesetzt sein. Laut Transgender Europe war Mexiko im Jahr 2023 das zweitgefährlichste Land der Welt für TransgenderPersonen, unter anderem aufgrund der hohen Anzahl an Transfemiziden. Auch in KANADA gibt es nach wie vor Gewalt
und Belästigungen gegen 2SLGBTQQIA+ Pesonen (dieser Begriff wird in Kanada bevorzugt um indigene “2 Spirit” Personen sichtbar zu machen), darunter Vandalismus und Beschädigung, die sich gegen Pride Symbole und Institutionen richten. Da die überwiegende Mehrheit der Menschenrechtspläne der WMAustragungsstädte noch
nicht veröffentlicht wurde, lässt sich aktuell nicht beurteilen, inwieweit diese den Schutz der Rechte von LGBTQI+Personen gewährleisten werden. Selbst in jenen Strategien, die veröffentlicht wurden, werden LGBTQI+Fans kaum oder überhaupt nicht erwähnt und es sind auch keine konkreten Schutzmaßnahmen vorgesehen.

 

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