"Wir müssen die Menschenrechte als Kompass behalten" - Nachbericht zum Club 2 x 11
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Club 2 × 11 am 28. Mai 2026 der Büchereien Wien, Wir Frauen im Sport, dem ballesterer und der fairplay Initiative, diskutierten Andrea Florence (Sport and Rights Alliance), Ingo Mach (ÖFB) und Hanna Stepanik (fairplay Initiative) über die FIFA-Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob das größte Fußballturnier der Welt seinem Anspruch als globales Fest des Sports gerecht werden kann – oder ob wirtschaftliche und politische Interessen die Oberhand gewinnen.
Die Diskussion machte deutlich, dass die Austragungsländer vor sehr unterschiedlichen Herausforderungen stehen. Hanna Stepanik verwies insbesondere auf die Situation in Mexiko, wo „ausufernde Gewalt, Femizide und sexualisierte Gewalt“ zentrale gesellschaftliche Probleme darstellen. Gleichzeitig würden mögliche Folgen von Mega-Sportveranstaltungen wie Zwangsumsiedlungen, die Verdrängung obdachloser Menschen oder Gentrifizierung heute deutlich kritischer beobachtet als noch vor einigen Jahren.
Positiv sei, dass sich rund um die WM 2026 eine breite internationale Zivilgesellschaft vernetzt habe. Stepanik hob die Arbeit der Dignity 2026 Coalition hervor, die versucht, mit den Verantwortlichen der WM in Kontakt zu treten und menschenrechtliche Anliegen einzubringen. Dennoch bleibe die Einflussnahme schwierig, da die Organisation des Turniers auf zahlreiche Host Cities verteilt sei. „Solange Geld fließt und eine solche Macht besteht, ist es schwierig zu widerstehen. Aber irgendwann ist die Grenze, der Tipping Point erreicht“, so Stepanik.
Aus Sicht der Sport and Rights Alliance sieht Andrea Florence vier besonders kritische Bereiche im Zusammenhang mit der WM 2026: die zunehmende Militarisierung der Sicherheitsapparate, verschärfte Abschiebungs- und Einreisepraktiken, Einschränkungen der Meinungsfreiheit sowie Formen des Sportswashings. Besorgt zeigte sie sich unter anderem über die Möglichkeit von Grenzbehörden, elektronische Geräte und Social-Media-Konten zu kontrollieren, sowie über Hürden für Menschen mit nicht-binären Geschlechtseinträgen. Obwohl die FIFA mittlerweile Menschenrechtsstandards in ihren Vergabeprozessen verankert habe, fehle es aus ihrer Sicht an Konsequenz bei deren Umsetzung: „Wir sehen nicht, dass die FIFA gegen Menschenrechtsverletzungen aufsteht.“
Gleichzeitig betonte Florence, dass sich die Situation im Vergleich zu früheren Turnieren verändert habe. Menschenrechtsanforderungen seien heute verbindlich dokumentiert und könnten rechtlich eingefordert werden. „Früher hatten wir diese rechtliche Grundlage nicht. Jetzt können wir Klagen einbringen.“ Trotz aller Kritik bleibe die Sport and Rights Alliance vom Potenzial des Sports überzeugt: „Wir glauben an die Kraft des Sports. Wir glauben, dass Sport Veränderung schaffen kann. Aber wir müssen die Menschenrechte als Kompass behalten.“
Einen Einblick in die Perspektive der Fans gab Ingo Mach vom Österreichischen Fußballbund (ÖFB). Die Nachfrage nach Tickets für mögliche Spiele des österreichischen Nationalteams habe die Erwartungen deutlich übertroffen. Um die Fans bestmöglich vorzubereiten, arbeite der ÖFB an umfangreichen Informationsangeboten zu Einreisebestimmungen, Mobilität und Sicherheitsfragen. Herausforderungen gebe es bereits jetzt, etwa bei Visa-Anträgen oder den teilweise hohen Kosten für Transport und Parkmöglichkeiten. Von vielen Fans höre er zudem, dass die Einreisebedingungen bei früheren Weltmeisterschaften in Katar oder Russland als unkomplizierter wahrgenommen wurden. Dennoch überwiege die Vorfreude: Nach Jahrzehnten ohne WM-Teilnahme sei die Begeisterung für das Turnier in Österreich enorm.
In der abschließenden Diskussion waren sich die Podiumsgäste einig, dass die WM 2026 weit mehr sein wird als ein sportliches Großereignis. Sie wird auch ein Test dafür sein, ob internationale Sportverbände ihre eigenen Menschenrechtsstandards ernst nehmen und ob zivilgesellschaftlicher Druck tatsächlich Veränderungen bewirken kann. Die zentrale Frage des Abends blieb daher offen – und zugleich aktueller denn je: Wem gehört der Fußball, und wem sollte er gehören?
Fotocredits: Moritz Ettlinger
